Dossiers

Gesichter nachdenklicher Jugendlicher im Profil.

Armut von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

In Deutschland muss niemand hungern. Kinder und Jugendliche, die in Sozialhilfe leben, haben es trotzdem schwer: Sie sind häufiger krank und schlechter ernährt, sind Enge, Lärm und Luftverschmutzung ausgesetzt und leiden unter Konsumverzicht und Ausgrenzung. Und auch ihre Bildungschancen sind begrenzt. Das Erschreckende: Statt zu verschwinden, steigt die Armut von Kindern und Jugendlichen stetig an.

Armutsrisiko Kindheit

Ein Kind lehnt alleine vor einer verschlossenen Tür

Experten tun sich mit der Definition von Armut schwer. Nicht so der 12-jährige Emin aus dem Berliner Problembezirk Wedding. "Arm, das sind die Männer da vorne", sagt er und deutet mit gerecktem Kinn durch die Fenster seines Jugendhauses hindurch auf die Bänke am Nauener Platz, wo zwischen Schaukel und Sandkasten ein paar Junkies sitzen. "Die müssen draußen schlafen."

Draußen schlafen, so arg ist es bei Emin nicht. Arm ist er trotzdem. Das Bundesamt für Statistik in Wiesbaden führt den zurückhaltenden Jungen als einen von 1,02 Millionen minderjährigen Sozialhilfeempfängern in Deutschland – eine Zahl, die in etwa der Bevölkerungsgröße von Köln entspricht. Barg früher das Alter das größte Armutsrisiko, ist es heute die Kindheit. Mehr als jeder dritte Sozialhilfeempfänger ist unter 18 Jahren alt; das Gros von ihnen noch keine sieben.

Dabei sind es vor allem die "geminderten Erwerbs- und Einkommenschancen ihrer Eltern", die laut Armutsbericht der Bundesregierung immer mehr Kinder in die Sozialhilfe schicken. Für Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, kommen noch die "Unvereinbarkeit von Arbeit und Kindern" und ein "ungerechter Familienlastenausgleich" dazu: "Wenn Sie ein Kind haben, haben Sie im Monat automatisch 150 Euro weniger."

Nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbunds ist mittlerweile jede dritte kinderreiche Familie in Deutschland auf ergänzende oder volle Sozialhilfe angewiesen. Auch die Lage von Kindern alleinerziehender Frauen ist "sehr schwierig", sagt Petra Hölscher, Rehabilitationssoziologin an der Universität Dortmund und Autorin der Studie "Immer musst du hingehen und praktisch betteln". Laut Statistischem Bundesamt landet mehr als die Hälfte von ihnen früher oder später in der Sozialhilfe.

Heraus kommen sie dagegen meist nur schwer. Kinderreiche Familien und alleinerziehende Mütter verbleiben weit länger in der Sozialhilfe als die durchschnittlichen 17 Monate. Auch Emin erinnert sich nur noch vage daran, dass sein "Vater früher immer um sechs aufstehen musste". Jetzt, da er und seine Frau krank sind, gibt es für Emin und seine fünf Geschwister so gut wie gar keine Chance der Armut zu entkommen. "Sozialhilfe", sagt er, "das ist doch ganz normal."

Kapitel:  1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite